Spaghetti-Eis

Gleich um die Ecke gibt es dieses kleine original-italienische Eiscafé. Dort bekommt man das beste italienische Eis, welches ich jemals gekostet habe. Gelato artigianale. Molto buono!

1965 gegründet von einer sizilianischen Familie, betreibt heute Valeria dieses schöne Eiscafé in der zweiten Generation; die dritte wächst gerade heran.

Den Winter verbringt Valeria nach wie vor in ihrer Heimat auf Sizilien. Je nach Witterung schließt sie ihr Café zwischen Mitte und Ende September und macht sich auf den Weg in den milden Süden. Aber sobald hier im Münsterland das Frühjahr erwacht und die Tage länger werden, reist sie an, sehnsüchtig von uns erwartet, um ihr Café erneut für uns zu öffnen. Und kaum hat sie an den Fenstern die Jalousien hochgezogen, verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer durch unseren Ort: Sie ist wieder da!

Bevor wir jedoch unser erstes Eis genießen können, gibt es für Valeria und ihre Familie noch so einiges zu tun. Tagelang wird der kleine holzvertäfelte Innenraum gewienert, die Eistheke aus Glas und Edelstahl auf Hochglanz poliert und die Außenterrasse im Schatten der alten Eiche gekehrt. Tische und Stühle werden aus dem Winterquartier geholt und erstrahlen alsbald frisch herausgeputzt in der Münsterländer Frühlingssonne. Unmengen cremiges, köstliches Eis wird vorbereitet; die altbekannten Sorten wie Vanille, Erdbeer, Schokolade natürlich, aber auch fruchtiges Mango, süßes Kirsch, kräftiges Nuss, frisches Minze dürfen, neben immer wieder neuen leckeren Varianten, nicht fehlen.

Ist es dann endlich alles vorbereitet und Valeria öffnet die Tür ihres kleinen Eiscafés, sind schnell alle Plätze besetzt. Drinnen wie draußen herrscht reges Treiben und manch einer wartet geduldig etwas abseits, bis wieder einer der Tische frei wird.

Ich sitze gerne unter der alten Eiche auf der Terrasse und genieße Valerias Spaghetti-Eis. Mein absolutes Lieblingseis, auch wenn auf Valerias Eiskarte noch viele weitere herrliche Eis-Kreationen zu finden sind.
Ich liebe die Kombination aus Erdbeeren und weißer Schokolade, die Verbindung aus cremigem Vanille-Eis mit kühler Sahne und fruchtiger Erdbeersoße. Ein für mich unvergleichliches Geschmackserlebnis an sonnigen Tagen.

In Valerias Eiscafé trifft man sich. Bekannte Gesichter, während der Wintermonate aus den Augen verloren, begegnen sich hier wieder. Ein freudiges lachendes "Du auch hier", ein interessiertes "Wie geht's" und schon gerät man ins Plaudern, und am Ende ist man sich stets einig: Wie schön, dass Valeria wieder da ist!

Im vergangenen Jahr kam statt Valeria nur Corona.

Italien geriet bereits frühzeitig in den Lock-down; in Valerias Heimatregion herrschte Ausgangssperre. Keine Chance auf eine Reise ins Münsterland. Stattdessen wochenlanges Ausharren in einer Drei-Zimmer-Wohnung auf Sizilien.

Valerias Eiscafé blieb verwaist, die Jalousien geschlossen, Tische und Stühle verbrachten den Sommer im dunklen Winterquartier, die Außenterrasse unter der alten Eiche blieb leer. Ein trauriger Anblick, diese deutlich sichtbare Corona-Wunde in unserem kleine Ort.

Valeria schrieb einen bedauernden Brief an die örtliche Zeitung, in dem sie uns allen ihre prekäre Situation schilderte. Wir litten mit ihr. Und wir litten ohne sie.

Zwei Straßen weiter öffnete "San Remo" wie gewohnt seine Filiale. Geräumige Sitzgruppen in rotem Leder, ein von Mauern begrenzter Innenhof mit exotischen Palmen, das Eis nicht schlecht, aber eben doch auch nur wie überall. Und so wurde es für viele von uns ein recht eisarmer Sommer 2020.

März 2021. Der Virus zieht immer noch seine Kreise.
Bis vor wenigen Tagen galt ein strenger Lock-down. Nun dürfen die ersten Läden wieder öffnen. Nach click-and-collect gilt nun click-and-meet: shoppen mit Termin. Restaurants und Cafés sind weiterhin geschlossen. Wenn sich daran nicht bald etwas ändert, wird Valeria wohl auch den kommenden Sommer auf Sizilien verbringen müssen. Ein Gedanke, der mich betrübt. Ich sehne mich so sehr nach unbeschwerter sonniger Leichtigkeit und nach Spaghetti-Eis im Schatten der alten Eiche. Ich vermisse den fröhlichen Trubel rund um Valerias kleines Eiscafé, die spontanen Begegnungen und die unbeschwerten Plaudereien zwischen zwei Löffeln Vanille-Eis mit Erdbeersoße. Noch habe ich die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, aber wenn ich realistisch bin, muss ich erkennen, dass sich meine Sehnsucht auch in diesem Jahr nicht erfüllen wird. Corona ist einfach noch zu nah, die Ansteckungsrate zu hoch.

"San Remo" verkauft nach wie vor sein Allerweltseis, allerdings nur noch außer Haus. Das ist für mich keine Option. Ich werde auf Valeria warten und auf ihr unvergleichliches Gelato artigianale, ihr handgemachtes italienisches Eis. Mag auch das Jahr 2021 darüber vergehen, irgendwann wird er kommen, der Tag. Dieser ganz besondere Frühlingstag, an dem Valeria wieder die Jalousien der Fenster ihres kleinen italienischen Eiscafés hochzieht und die Nachricht sich wie ein Lauffeuer im Ort verbreitet: Sie ist wieder da!

AnneGret