Schamsäcke oder: Parkbänke für China

2010: Jeden zweiten Dienstagmorgen stellen alle in unserer Straße ihren Plastikmüll raus. Man hängt ihn in dünnen gelben Tüten an die Zäune, lehnt ihn an die Gartenmauer oder legt ihn einfach auf den Bürgersteig. In der Regel sieht das ganz säuberlich aus. Die Säcke sind mit appetitlichen Schleifchen verschlossen. Die Leute von der Müllabfuhr machen sich nicht schmutzig, wenn sie danach greifen, und wir machen uns auch nicht schmutzig. Wenn man vom Einkaufen oder von der Arbeit nach Hause kommt, ist der Müll wie weggezaubert, und man kann sofort anfangen, die nächsten gelben Säcke zu befüllen. Das ist doch ein sehr befriedigendes System. Wo funktioniert schon die Müllabfuhr so gut geregelt wie hier bei uns in Deutschland? Man denke bloß einmal an Rom! Da ersticken die armen Menschen ja fast in ihrem Müll!
Aus unserem Müll wird sogar noch etwas tolles Neues hergestellt: Er wird nach China verschifft, und dann machen die Chinesen Parkbänke daraus. Da es sehr viele Chinesen gibt, braucht man dort enorm viele Parkbänke. Wenn man mal davon ausgeht, dass die durchschnittliche chinesische Familie systembedingt dreiköpfig ist und drei Personen auf eine Bank passen, kann man pro Familie eine Bank rechnen – oder auch zwei bis drei, falls man sich hinlegen möchte. Die Chinesen sind uns sehr dankbar für unser Plastik, zumal sie ja sonst nicht viel haben, woraus man Sitzgelegenheiten herstellen kann.
2018: „China hat genug von Europas Müll“; „Müllexporte nach China: Die Weltmüllkippe schließt“; „Das Geschäft mit dem Müll: China macht die Grenzen dicht“; „China stoppt die Abfallimporte: Wohin jetzt mit unserem Müll?“ So oder ähnlich lauten die Titel zu Beginn des Jahres in vielen deutschen Tageszeitungen.
2020 startet China ein umfassendes Plastikverbot.
„Export von Plastikmüll stoppen – Umweltverschmutzung aufhalten“ – Campact klärt auf und startet eine Petition. Über eine Million Tonnen Plastikmüll exportiere Deutschland jedes Jahr ins Ausland. Deutscher Müll lande am anderen Ende der Welt in illegalen Deponien oder werde umweltschädlich verbrannt. So schade er der Gesundheit von Menschen und ganzen Ökosystemen. Das nenne sich von deutscher Seite her dann „Recycling“.
Ich kann meine Augen nicht länger verschließen. Parkbänke, ha! Bilder aus China und Malaysia von gigantischen Mülldeponien verfolgen mich bis in den Schlaf. Teilweise wird der Müll zu riesigen Würfeln gepresst und so gelagert, dass man das Ergebnis aus der Luft gefilmt für modernen Kubismus auf etlichen Quadratkilometern halten könnte. Anderswo stapfen Kinder in grauer Müllpampe herum und sammeln Elektroteile, die sie noch verkaufen sollen, wobei sie sich lebensgefährlich vergiften, z.B. mit Blei.
„How dare you?!“, stößt die 16-jährige Greta Thunberg auf dem UN-Klimagipfel im September 2019 hervor und richtet sich an alle Staats- und Regierungschefs der Welt. Sie bezieht dies hauptsächlich auf umweltschädigende Emissionen, aber letztlich gelten ihre Mahnungen jeder Art von Verseuchung. „Wie könnt ihr uns Kindern eine solche Welt hinterlassen? Ihr stehlt uns die Zukunft!“ Ja: Wie können wir es wagen?!
Ein neuer Ehrgeiz hat mich seit 2018 gepackt. Ich will nicht mehr alle 14 Tage zwei gelbe Säcke rausstellen, nein, keinen einzigen am liebsten, denn der Mythos von den Parkbänken diente der Augenwischerei, und lang genug war ich so naiv, daran zu glauben, obwohl ich natürlich genau wusste, dass es nicht sein konnte. Hoffentlich sieht mich keiner, denke ich jedesmal, wenn ich meinen Schamsack hinaustrage. Immerhin ist es jetzt nur noch einer, weil ich seit einiger Zeit bewusster und anders einkaufe als früher und versuche, einige Nahrungsmittel und Kosmetika selber herzustellen. Dieser vermeintliche Fortschritt täuscht jedoch darüber hinweg, dass in unserer Familie jemand weggezogen ist und seinen Müll jetzt anderswo sortiert und abholen lässt. Pfui über uns! Steht nicht die Menge unserer Säcke genau im Verhältnis zur Scham, die wir empfinden müssen, wenn wir sie am Gartenzaun zur Schau stellen? Allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass meine vielen Nachbarn und Nachbarinnen diesbezüglich überhaupt irgendetwas empfinden. Wissen kann ich es natürlich nicht. Aber ich glaube, sie tun, was sie immer tun, damit alles seine hübsche Ordnung hat und es genauso weitergehen kann. Ich schlendere durch die Straße und zähle: 114 Schamsäcke, fein anzuschauen wie Visitenkarten. In der Nummer 29 wird dieses konsumiert, in der 32 jenes. Hier wird bio eingekauft, zwar nur im Discounter, aber immerhin; dort wird nicht gegeizt mit aggressiven Putzmitteln … Der Inhalt bleibt mir nicht verborgen. Durchsichtige Säcke, undurchsichtige Geschäfte. Morgen wird unsere gesammelte Scham abgeholt.
Und dann? 

Gundula Buitkamp

Nachbemerkung Elisabeth: wie wohl die Zukunft aussieht?