Hildegards immaterielles (Kultur-) Erbstück

Um es gleich vorweg zu nehmen: dieses Erbstück hat leider diverse Umzüge und Räumaktionen nicht überlebt. Die Erinnerung daran wurde durch einen Beitrag in der Zeitung geweckt, in dem es um ein besonderes Getränk geht: den Viez. Dieser soll nämlich in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen werden. Eine Entscheidung darüber wird im Frühjahr 2022 erwartet.

Für alle, die nicht wissen, was Viez ist, klärt der Zeitungsartikel auf: „Viez ist ein an Mosel und Saar sowie in Eifel und Hunsrück verbreiteter Apfelwein“. Das Wort kommt von Lateinisch vice, was soviel wie an Stelle von... heißt. In diesem Fall: ... anstelle von Wein. Getrunken wird der Viez nicht aus dem Glas, sondern aus der sogenannten Porz, der Viez-Porz.

Hildegard Jöris schreibt: „ja, dass der Trierer Viez mal zu solchen Ehren kommt, hätte ich mir nicht vorstellen können. Das Wort „Porz“ fand ich früher wenig schmeichelnd, Mundart war zu meiner Jugendzeit eher verpönt, heute kommt sie wieder in Mode. Die Viezporz ist mir in vielfältiger Weise in Erinnerung:
Wir sitzen unter Kastanienbäumen auf Klappgartenstühlen im Biergarten der Gastwirtschaft Edelblut in Quint. Auf den Tischen stehen die weißen Steingutgefäße. Papa und Mama bestellen sich eine Porz Viez und dazu eine Portion Limburger mit Senf. Für uns Kinder gibt es zum Sonntagsvergnügen eine Limo.
Im Winter saßen die Viezbrüder in der Gaststube bei Edelbluts Trina; der Viez musste jetzt angewärmt sein. Die vorbereiteten Viezporzen standen gefüllt auf dem Herd in der Gaststube, damit der Viez mit der richtigen Temperatur serviert werden konnte. Ich erinnere mich, dass es bei den Viezbrüdern immer laut und lustig zuging.

Als ich schon nicht mehr im Elternhaus lebte, kam Papa auf die Idee, selbst Äpfel zu keltern und Viez herzustellen. Das Fass im Weinkeller brodelte während der Gärung vor sich hin und verströmte einen unangenehmen Geruch. Papa und Willy haben auch mal den Alkoholgehalt bestimmt. Ich hatte eine Weingeistspindel mitgebracht und die Umrechnung ergab, dass der Viez einen beträchtlich hohen Alkoholgehalt hatte. Das Getränk war für Kinder nicht geeignet. Willy erinnert sich, dass der Alkoholgehalt bei ca. 11 oder 11,5° Alk. lag, weil Papa den Gärvorgang erst ziemlich spät beendet hat.
Der Trierer Viezapfel gehört meines Wissens zu einer der letzten Urapfelsorten. Der Apfel ist relativ klein, die Bäume sind sehr ertragreich und das Sammeln der Früchte recht mühsam. Das Aussehen der Äpfel weckt kaum Begierde, sie roh zu verzehren. Spätestens nach dem ersten Biss in das harte und saure Fruchtfleisch ist die Esslust zu Ende.
Gut geeignet sind die kleinen, leuchtend gelben oder roten Früchte als Deko in der Winterzeit. Mit einer Speckschwarte eingerieben leuchten sie wunderschön und zieren jeden Weihnachtsbaum. Das war´s zum Thema Viez und Viezporz.“


In Ermangelung eines materiellen Viez-Porz-Erbstücks, soll hier ein Foto aus Wikipedia zur Anschauung dienen. Echte Viezäpfel sehen eher so aus wie auf dem unteren Bild.


NaBu Streuobst