Wo kämen wir denn da hin? (authentisch, biografisch - gestern erlebt)

Siebzigzwanzigzwanzignull. Habe ich richtig gewählt? Tuut, tuut, oh ja:
„Praxis Doktor Oschnitzki, guten Tag! Was kann ich für Sie tun?“
„Guten Tag, mein Name ist Buitkamp, ich hätte gern einen Termin.“
„Um was geht es denn?“
„Also, ich habe zwei Probleme, ein akutes und ein chronisches.“
„Und um welches davon soll es gehen?“
„Um beide.“
„Das geht nicht, nennen Sie eins.“
„Hm, aha, also, was meinen Sie denn, welches ich nehmen soll?“
„Das ist egal, irgendeins.“
„Dann nehme ich das akute.“
„Und das wäre?“
„Ich habe mir vor zwei Monaten bei der Gartenarbeit einen Dorn ins Fingergelenk gejagt, links rein, rechts raus, oben in den Grundknöchel des rechten Mittelfingers. Der Dorn ist komplett raus, aber das ist da jetzt so geschwollen, dass ich dachte, ich sollte es mal untersuchen lassen.“
„Na, ich bin mir nicht sicher, ob der Doktor Ihnen da helfen kann, er ist ja Orthopäde.“
„Genau, deswegen möchte ich gern, dass er da mal draufguckt, denn beim Chirurgen war ich schon, und der würde das Ganze einfach aufschneiden. Ich hätte gern eine Zweitmeinung, bevor ich diesem Eingriff zustimme.“
„Wenn Sie meinen … Dann kommen Sie doch am siebzehnten zwölften um fünfzehn Uhr fünfzig!“
„Super, das passt. Können wir denn gleich noch einen zweiten Termin vereinbaren – für das andere Problem?“
„Nein. Sie haben doch jetzt einen Termin. Nehmen Sie den erstmal wahr, und dann sehen wir weiter.“
Die Woche bis zum Termin vergeht im Nu. Täglich betrachte ich betreten den lila Knubbel auf meiner rechten Hand. Inmitten der zierlichen Hügelkette der benachbarten Fingergelenke thront der Mittelfingergrundknöchel wie ein Ungetüm. Einmal erwache ich morgens und schaue aus Versehen auf meine linke Hand. Wie ich mich da freue! Es sieht wieder normal aus, juhu, es sieht wieder normal aus! Der Blick auf die rechte Hand wirkt ernüchternd: Ach, da ist ja die Verletzung. Pustekuchen. Bloß nicht dranstoßen, das tut weh.
Schade nur, dass ich die Achillessehne nicht mit anmelden durfte. Wo ich sie doch sowieso immer dabei habe.
Am siebzehnten zwölften schließe ich mein Fahrrad vor der Praxis an, maskiere mich vorschriftsgemäß und steige durch das prächtige Treppenhaus einer Altstadtvilla zur Orthopädiepraxis hinauf. Freundlich werde ich empfangen und nach kurzem Warten in ein Untersuchungszimmer geführt, wo ich noch einmal warte. Hier gibt es Bilder von Rosina Wachtmeister mit bunten schiefen Stadtansichten, Katzen und spiegelnden Wasseroberflächen, aber auch Familienfotos von Doktor Oschnitzkis Frau und drei Kindern sowie ein silbern gerahmtes Zertifikat, das wahrscheinlich seine Qualifikation als Facharzt bestätigt – es steht auf einem Regalbrett, zu weit oben, als dass ich es von meinem Stuhl aus gründlicher lesen könnte. Ich höre die laute, etwas gleichgültig klingende Facharztstimme im Nebenzimmer und kann mir den Doktor sofort vorstellen. „Gute Besserung, frohes Fest!“, sagt er, dann sind Schritte im Flur zu hören, jemand geht weg. Und schon sitzt Herr Doktor Oschnitzki vor mir, lang und schlaksig, mit schmalem Gesicht, und stellt sich mir durch die Corona-Klarsichtscheibe vor. Er macht auf mich einen freundlichen Eindruck, aber unwillkürlich frage ich mich, ob er mit seinen eng beieinander liegenden Augen wohl nach links und rechts blicken kann – oder nur geradeaus. Schnell schiebe ich diesen Gedanken beiseite und erwähne vorsichtshalber, dass ich zwei Probleme habe, ein akutes und ein chronisches.
„Und weswegen sind Sie jetzt hier?“, fragt er.
„Stimmt es also, was die Sprechstundenhilfe sagt, dass Sie pro Termin nur ein Problem behandeln?“
„Ja, das ist korrekt. Wissen Sie, ich kriege ja nur eine Behandlung bezahlt! Klar, ich könnte mir Ihren ganzen Körper angucken, von oben bis unten, den ganzen Körper, aber – wo kämen wir denn da hin? Sie haben ja gesehen, dass auch noch andere Patienten warten.“
„Das kann man sich wirklich fragen: Wo kämen wir da hin?“
Ich wünschte, ich hätte das gesagt. Stattdessen sage ich etwas beschämt:
„Ich will ja gar nicht, dass Sie mich von oben bis unten angucken. Also, hier ist mein Fingergelenk, sehen Sie sich einfach nur das an.“
Jetzt wird Herr Doktor zum Fachmann, denn jetzt weiß er, worauf er sich fokussieren soll, und er macht seine Sache bestimmt gut. Er untersucht den Fingerknöchel mit Ultraschall, stellt fest, dass eine Flüssigkeit aus der Gelenkkapsel ausgetreten ist, schickt mich zum Röntgen und lässt mich später das Röntgenbild mit betrachten. Tief ergriffen erblicke ich die Makellosigkeit meiner Hand- und Fingerknochen, wie sie sich perfekt aufreihen, weiß leuchtend und als wäre ich noch ganz jung:  Weder Abnutzung noch Verformungen oder gar ein Fremdkörper wie ein Stück Dorn sind zu erkennen. Da muss ein Künstler am Werk gewesen sein. Wie kann man etwas so Wundervolles herstellen? Plötzlich liebe ich meine Hand wie nie zuvor. Von außen runzlig und rau – dafür voll innerer Schönheit.
Der Doktor bestätigt, dass auf dem Röntgenbild nichts Beunruhigendes zu erkennen sei. Auch eine Entzündung schließt er aus, da der Knöchel nicht rot und heiß ist. Er rät mir, mich nicht mehr vor Weihnachten operieren zu lassen, aber in zwei, drei Monaten zum Chirurgen zu gehen, falls die Schwellung dann immer noch da sein und wehtun sollte.
„Gute Besserung und frohe Festtage!“
Jetzt könnte er doch eigentlich noch schnell die Achillessehne … Ich sage nichts. Er ist halt Fachmann. Mit dem Schauen nach links und rechts hat er es wahrscheinlich wirklich nicht so leicht. Der Kieferorthopäde unserer Kinder wollte beim Erstkontakt, dass sie sich auszögen bis auf die Unterhose: Er wollte die Füße, das Becken, die Wirbelsäule und die ganze Statik jedes Sohnes sehen, bevor er ihre Zähne begutachtete. Wo kämen wir denn da hin …
Habe ich gezögert? Bin ich nicht schnell genug aufgestanden? Herr Doktor Oschnitzki sieht mich mit seinen eng beieinanderliegenden Augen plötzlich etwas schräg von der Seite an. Wie macht er das?
„Äh … also, was ist denn Ihr zweites Problem?“, fragt er zu meiner Überraschung.
Ich traue meinen Ohren nicht, beeile mich aber zu sagen:
„Meine linke Achillessehne tut so weh, dass ich seit mindestens zwei Jahren nachts davon aufwache und mich aktiv umpositionieren und massieren muss. Tagsüber geht´s. Aber sobald ich mich ausruhe, fängt es an.“
„Das kann ich gerne mal untersuchen …“, sagt der Doktor. Verwundert greife ich mir an den Schuh, um ihn schnell auszuziehen.
„ … beim nächsten Termin“, vollendet er seinen Satz. Dann fügt er hinzu: „Kaufen Sie sich hochhackige Schuhe und gehen Sie nicht bergauf.“
So so. Ich und hochhackige Schuhe? Und nicht bergauf? Wenn ich ihm erzählt hätte, dass ich täglich sechs Kilometer jogge, hätte er bestimmt gesagt, dass ich damit aufhören soll. So wie damals, als ich mit neunzehn diese Knieschmerzen beim Fahrradfahren und Treppensteigen hatte und dem Arzt nichts anderes einfiel, als mir zu raten, nicht Fahrrad zu fahren und keine Treppen zu steigen.
Also, heute war ich als Finger hier. Im Januar komme ich als Fuß wieder.
Bis dahin wünsche ich mir selber gute Besserung und erinnere mich ehrfürchtig an meine innere Schönheit.

Gundula Buitkamp am 18.12.2020