Heimkehren

Eine Geschichte zum Schreibimpuls

"Man kann heimkehren, wenn man denn begreift, dass ‚heim‘ ein Ort ist, an dem man noch nie war" (Zitat von Ursula K. Le Guin)

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Sie ist auf der Flucht, bleibt nie lange an einem Ort. Hat keine Freunde, keine Verwandten, ist ganz allein.
Schon manchem Baum hat sie ihre Geschichte erzählt. Bäume sind verdammt gute Zuhörer - unterbrechen nicht, kritisieren nicht, hören zu, mehr nicht.

Sie ist zufrieden, hat einen gut bezahlten Job, arbeitet gern, oft 10 bis 12 Stunden am Tag. Sie ist bei ihren Kunden beliebt, viel unterwegs. Leider hat sie wenig Freizeit, aber das macht ihr nichts aus. Ihr Freund arbeitet genauso viel.
"Wir sind glücklich!"

Dann lernt sie es kennen, das Covid-19.
"Verdammt, verdammt - ich hasse dich."
Erst stirbt ihr Freund, dann die Eltern.
"Covid-19, ich hasse dich."
Alle drei haben Wochen lang mit dem Tod gekämpft. Er hat gewonnen. Was für ein Verlust.
Wegen der Coronaregeln für Krankenhäuser durfte sie ihre Liebsten nicht besuchen, sich nicht verabschieden, das schmerzt am meisten.

Seitdem ist sie auf der Flucht.
Ihr Kopf ist voll von unkontrollierten Gedanken. Sie kommt nicht zur Ruhe, kann ihre Augen nicht geschlossen halten und stellt sich immer wieder die Frage "Warum?".

Nach einem Monat meldet sich das Bestattungsunternehmen. Sie haben einen Platz für ihre Liebsten gefunden, ein Lärchenbaum in einem Waldstück, ganz in ihrer Nähe.
Am Tag der Beerdigung kommt sie endlich zur Ruhe. Sie hat einen friedvollen Ort für ihre Liebsten gefunden.
"Hier komm ich gerne hin. Hier bin ich meinen Liebsten ganz nah. Es ist, als wenn ich heimkomme."

Maria Eifrig, August 2020