Sandalen kaufen

Auf der Straße tummeln sich schon wieder viele Menschen. Sie essen Eis und drängen sich auf den Bürgersteigen. Ihre Unbefangenheit wundert mich. Das ist ja fast wie früher …
Ich betrete das Kaufhaus, greife mir einen Plastikkorb und gerate in eine völlig andere Welt. Leere Rolltreppen rauschen von einem Geschoss ins andere. Niemand fährt mit. Außer mir. Das ist nicht normal. Mein Gesicht macht es sich gemütlich im Mundschutz. Warum macht der mich eigentlich so schläfrig? So hoch ziehe ich sonst nur meine Bettdecke, bevor ich die Augen zumache. Ich stehe dösend auf der Rolltreppe. Die letzte Stufe verschwindet unter mir im Boden und wirft mich unsanft ab. Ich brauche Trekkingsandalen. Aber es gibt nur genau ein Modell Herrensandalen ab Größe 42, das war´s. Ich würde sie ja nehmen, wenn ich Füße hätte wie ein Herr. Zu gerne würde ich diesen klinisch toten Laden unterstützen. Ungläubig schleiche ich um das Regal herum. Es kann doch nicht sein, dass ich in der Outdoor-Abteilung des größten Warenhauses unserer Innenstadt keine Damensandalen kaufen kann? Ist aber so. Wie soll denn das weitergehen? Die wenigen Kunden, die mit ihrem Mundschutz hereintaumeln, finden nicht, was sie brauchen. Keine Beratung in Sicht. Lohnt ja auch nicht – für eine einzige Kundin. Keiner da. Kurzarbeit wahrscheinlich. Die Rolltreppe trägt mich wieder nach unten. Der ältere Mitarbeiter, den ich von früher – früher, wann war das noch? - aus der Schreibwarenabteilung kenne, als er uns begeistert verschiedene Füllfederhalter präsentierte, dieser gediegene Fachmann also nimmt mir, ebenfalls verhüllt von einem Mundschutz, am Ausgang höflich dankend den leeren Korb ab und desinfiziert ihn gründlich. Ich kann es kaum mit ansehen.
Während ich mit der Schulter die Schwingtür aufdrücke, gähne ich mit weit aufgerissenem Mund in mein Stöffchen. Sieht ja keiner. Ich will so schnell wie möglich nach Hause!
Was ist eigentlich noch normal?

Gundula Buitkamp am 21. Juni 2020