Luftdurst

Ich wusste gar nicht, wie doll ich atmen will. Oder muss. Wie doll ich, wie doll ein Mensch atmen muss! Die Maske saugt sich an den Nasenlöchern fest. Ich trete in die Pedalen und fahre bergauf. Da kommt nicht genug Luft durch den hübschen Stoff mit dem Notendesign. Habe ich geschenkt bekommen, weil ich Musikerin bin; habe mich sehr gefreut, wirklich. Ist der denn dreifach genäht? Kann sein. Meine Nase saugt und zieht: Luft, mehr Luft! Es geht nicht. Ich steige ab. Das Fahrrad zieht mich zurück, die Einkaufstaschen sind so schwer. Aber das Ding muss ab. Ich fummele nach den Ösen hinter den Ohren, die Sonnenbrille kommt auch gleich mit. Der Riemen des Helms sorgt dafür, dass nichts runterfällt. Gut, dass ich Helm trage. Aber was nützt es, den Kopf beim Sturz zu schützen, die Augen vor der Sonne und die Leute vor meinen Gesichtsemissionen? Nun baumelt alles am Kinn, irgendwie verhakt in der Schnalle. Ich habe solche Lust auf Luft! Trinken möchte ich sie! Oh, wie freut sich mein schwitzendes Gesicht, als der kühle Hauch die Haut erreicht und durch die Nase bis in die Bronchien dringt. Alles dehnt und weitet sich erleichtert da drinnen, im Brustkorb. Der Luftdurst wird gestillt. Frei atmen, wunder-voll. Ich genieße es in vollen Atemzügen.

Gundula Buitkamp, Juni 2020