Ganz von der Rolle

Nachdem Pastor Orans in mindestens zehn Lebensmittelläden und Drogerien seiner Stadt vergeblich nach Klopapier gefragt hatte, gönnte er sich eine Verschnaufpause in der christlichen Buchhandlung, wo sein Freund Legens sofort sein Buch aus der Hand legte und ihm einen Cappuccino zubereitete. Legens sah Orans an, dass ihm etwas fehlte. Deshalb fragte er ihn: „Na, was fehlt dir denn?“
„Klopapier fehlt mir“, sagte Orans. „Bald gehen die Gottesdienste wieder los, unsere liebe Frau Purgans ist in Quarantäne und kann sich um nichts kümmern, und auf den Gemeindehaustoiletten sind nur noch drei Rollen. Ich muss irgendwo Klopapier auftreiben.“
Orans seufzte, doch in Legens´ Augen funkelte es.
„Du kommst wie gerufen! Ich war kreativ während der Schließzeit. Pass mal auf, ich zeige dir meine verrückte Idee. Das hier habe ich erfunden und drucken lassen.“
Er griff schnell unter seinen Tresen und stellte eine Rolle Klopapier vor Orans ab. „Was sagst du dazu?“
„Naja, das ist Klopapier – aber nur eine Rolle! Wozu soll das gut sein?“
„Also Herr Pastor, nu guck mal ein bisschen genauer hin. Das ist der Prototyp!“
Da sah Orans, dass auf dem ersten Blatt der Rolle das Wort „Ich“ stand. Er fummelte ein wenig, bis es sich löste, und las auf dem zweiten Blatt „bin“, auf dem dritten „der“, auf dem vierten „Herr“ – da ging ihm endlich ein Licht auf:
„ `… dein … Gott … Du … sollst … keine … anderen … Götter … haben ... neben … mir´. Das ist das erste Gebot!“
„Jawohl“, freute sich sein Freund Legens. „Die Idee zum Papiersparen ist: Pro Toilettenbesuch möglichst nur ein Gebot verbrauchen. Gründlich lesen. Mittendrin abreißen gilt nicht.“
„Perfekt für Konfirmandinnen und Konfirmanden!“, rief Orans. „Aber will man das wirklich lesen, wenn man auf dem Klo sitzt: `Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren´… ?“
„Klar!“, meine Legens. „Man darf es dann ja auch wegspülen. Aber im Kopf bleibt´s bestimmt. Vom Hintern in die Birne sozusagen.“
„Du nimmst wahrlich kein Blatt vor den Mund!“, sagte Orans irritiert.
„Vor den Mund bestimmt nicht …“, kicherte Legens, und da fiel es auch dem Pastor schwer, ernst zu bleiben.
Er drehte und wendete nun die Rolle, bis er eine lange Papierschlange abgewickelt hatte.
„Ein … Entwicklungsprojekt …“, murmelte er vergnügt. „Ich lasse mich darauf ein. Wer `Du sollst nicht töten´ zieht, muss allerdings sehr sparsam sein. Wie nennst du eigentlich diese Art Klopapier?“
„Ich dachte an `Gebotsrolle´“, meinte Herr Legens, aber da protestierte Orans spontan:
„Oh, das ist zu heikel, es klingt fast wie `Gebetsrolle´.“
„Ja, eben, das ist ja das Originelle daran.“
„Nein, das könnte empfindsame Menschen verletzen. Nennen wir es doch … `christlich scheißen´!“
„Aber Orans“, entfuhr es nun Legens, „das klingt sehr unfein. Unchristlich geradezu! So kann ich mein Projekt nicht nennen!“
„Interessant, wie unterschiedlich die Befindlichkeiten gelagert sind“, meinte der Pastor lachend. „Ich bestelle auf jeden Fall hundert Rollen für unser Gemeindehaus. Der erste Klingelbeutel nach Corona ist dafür bestimmt; ich werde es abkündigen. Vielen Dank für den herrlichen Cappuccino!“
Pfeifend schlenderte Pastor Orans nach Hause.
Buchhändler Legens grübelte noch etwas und las noch einmal die zehn Gebote, besonders aber den ersten Satz danach. Dann rief er die Druckerei an und sagte begeistert:
„Mein Prototyp soll nun in Serie gehen! Bitte liefern Sie! Die Sorte heißt `Donner, Posaune und rauchende Berge – ein Entwicklungsprojekt für die moderne Gemeinde´!“
Die Gottesdienstsaison wurde eröffnet, und das Klopapier fand - reißenden Absatz. Wer von der Toilette kam, sah bisweilen nachdenklicher aus als nach der Predigt, und manch einem lag ein Lächeln auf dem Gesicht, ganz als hätte er sich gleich mehrere Gebote gegönnt.

Gundula Buitkamp
, 25.4.2020

Anmerkung für Nicht-Lateiner: orans = betend; legens = lesend; purgans = reinigend.